Startup Kalieber klagt gegen den Deutschen Fleischerverband

Am 01. Oktober von Sandra Schröder in Grillfleisch & Co.

Der Deutsche Fleischerverband stellte mit einem Post auf Facebook am 7. August 2018 das Unternehmen Kalieber öffentlich an den Pranger und behauptete, Kalieber sei kein Handwerk, sondern gebe sich nur den Anschein. Damit entfacht der Verband einen Shitstorm, in dem er lernen kann, was der Kunde bei Kalieber findet und bei den Mitgliedern des Fleischerverbandes weitestgehend vermisst: Transparenz, Tierwohl, Fortschrittlichkeit, handwerkliche Spitzenqualität und Verbrauchernähe. Trotz Diskussionsversuchen seitens Kalieber, mauert der Verband und beharrt auf seiner Aussage. Wir haben die gesamte Story für Euch chronologisch verfasst:

Was ist passiert? Eine Chronologie:

Am 6. August 2018 erscheint im Weser Kurier (Tageszeitung für Bremen und Niedersachsen) der Artikel Foodie-Trend nimmt in Niedersachsen Fahrt auf. Darin wird ein neuer Verbrauchertypus, die sogenannten Foodies, beschrieben. Das sind Verbraucher, denen beim Essen ethische und soziale Aspekte wichtig sind. Sie achten insbesondere auf Tierwohl, auf Herstellungsbedingungen und auf gute Qualität. Kalieber wird dort als Unternehmen erwähnt, das ebendiesen Verbrauchertypus bedient. So weit, so gut.

Am 7. August 2018 postet der Deutsche Fleischerverband diesen Artikelzunächst auf seiner Facebook-Seite Fleischerhandwerk und teilt wenige Minuten später diesen Beitrag auf seiner Facebook-Seite Deutscher Fleischer-Verband (im Bild zu sehen). Beim Anteasern stellt der um den Einsatz von Emojis nicht verlegene Verbandsschreiberling die Behauptung auf, Kalieber sei kein Handwerk, sondern betreibe „craftwashing“. Was letztlich so viel heißt wie: Kalieber betreibt Verbrauchertäuschung.

(Das Posting wurde in der Zwischenzeit gelöscht, liegt jedoch der Redaktion in vollständiger Länge mit sämtlichen Kommentaren vor.)

Der Shitstorm

Zahlreiche Kunden, Metzgerkollegen und auch Landwirte stehen Kalieber bei und formulieren teilweise harte Kritik am Verband. Beispielhaft hier einige Kommentare:

Der Lovestorm

Am 10. August 2018 veröffentlicht Sarah Dhem, Geschäftsführerin von Kalieber, eine Stellungnahme auf Facebook:

738 Reaktionen, 212 Kommentare und 117 Mal geteilt. Ein Love-Storm. (Mit Klick auf das Bild gelangst Du direkt zum Post von Sarah und kannst die Kommentare lesen.) Niemand spricht Kalieber das Handwerk ab, einzig der Verband bleibt bei seiner Haltung. Und bekräftigt diese letztendlich auch noch in einer Stellungnahme gegenüber der Münsterländischen Tageszeitung.

Die Stellungnahme vom Verband an falscher Stelle

Am 21. August 2018 erscheint ein Artikel in der Münsterländischen Tageszeitung. Die haben offenbar bekommen, worauf Sarah Dhem zwei Wochen vergeblich gewartet hat: eine Stellungnahme vom Verband.

Ich zitiere hier mal den letzten Abschnitt:

„Die Grenzen zwischen „behauptetem“ und „echtem“ Handwerk seien „sicher fließend“, räumt Jentzsch, Pressesprecher des Deutschen Fleischerverbandes ein. Aus Sicht des Sprechers sollten aber Unternehmen, die sich zu den Werten des Fleischerhandwerkes bekennen, auch Mitglieder im Verband sein. „Alle anderen sollten konsequenterweise darauf verzichten, sich als Handwerksunternehmen zu bezeichnen oder den Eindruck zu erwecken, sie seien welche.“

Das heißt also: Wer nicht im Verband ist, soll sich nicht Handwerk nennen. Ohne Innungsmitgliedschaft betreibst Du also kein Handwerk mehr, sondern Craftwashing. Du machst den Kunden etwas vor, nur um mehr Geld zu verdienen. Wie das tatsächlich geht, habe ich in meinem Artikel Ach du schöne Beilerei mal erklärt.

Kleiner Exkurs: Was ist Handwerk?

Handwerk ist, wer in der Handwerksrolle eingetragen ist. Und da kommt man nur rein, wenn man erfolgreich eine Meisterprüfung abgeschlossen hat. Für jeden Handwerksbetrieb besteht eine Pflichtmitgliedschaft in den örtlichen Handwerkskammern. Und dort wird die Handwerksrolle geführt und dort werden alle Handwerksbetriebe erfasst.

Neben den Handwerkskammern gibt es die Fachverbände, beziehungswiese die Landesinnungsverbände. Während durch die Kammern alle Gewerke vertreten werden, werden in den Fachverbänden, die Bezeichnung lässt es vermuten, nur die Betriebe eines Faches vertreten. So ist der Deutsche Fleischerverband mit Sitz in Frankfurt der Dachverband aller Landesinnungsverbände des Fleischerhandwerks. Im Gegensatz zur Pflichtmitgliedschaft in den Kammern, ist eine Verbandsmitgliedschaft stets freiwillig. Eine Verbands- oder Innungsmitgliedschaft entscheidet also nicht darüber, ob etwas Handwerk ist, oder nicht.

Wer sich genau mit den verschiedenen Organisationen im Handwerk auseinandersetzen mag, der findet auf der Seite des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks alle Informationen.

Wer oder was ist Kalieber eigentlich?

Es ist ein Leichtes bei Kalieber hinter die Kulissen zu gucken, denn wenn die Macher dort eines sind, dann transparent. Und ganz sicher ist das die wichtigste Eigenschaft, die ein Unternehmen, das heute Lebensmittel produziert, haben sollte. Kalieber ist ein vor drei Jahren gegründetes Startup. Zunächst war es ein reiner Onlineversandhandel für beste Fleischqualitäten. Kalieber wird als GmbH geführt, vertreten durch die Geschäftsführerin und Fleischermeisterin Sarah Dhem. Von Beginn an hat Kalieber die sozialen Netzwerke genutzt, um Transparenz zu zeigen und die Kunden mitzunehmen. Und von der ersten Stunde an war ein gelebtes Miteinander, sei es mit Geschäftspartnern oder Kunden, die Maxime.

Kalieber verkauft Fleisch- und Wurstwaren und geht dabei ganz neue Wege. Sarah und Mirko Dhem sind die Gesichter bei Kalieber. Sie sind bei Kollegen, Kunden und Freunden in den Sozialen Netzwerken bekannt, präsent und geschätzt. Ihre Mission ist es, das Fleischerhandwerk der Zukunft zu definieren, dem Fleischerhandwerk ein neues und vitales Gesicht zu geben. Sie setzen auf artgerechte Tierhaltung, Tierwohl steht bei ihnen an vordester Stelle, sie unterstützen den Aktivstall für Schweine von Gabriele Mörixmann, sie haben die Aktion #wirkennendenlandwirt ins Leben gerufen, sie setzen sich für den Erhalt von Nutztierrassen ein, sie sind Unterstützer von Slow Food, sie setzen auf regionale Partnerschaften, sie haben mit Brand Qualitätsfleisch einen Partner für die Schlachtung gefunden, dem Tierwohl und Transparenz ebenso wichtig ist, sie leben die absolute Kundennähe, und bei ihnen kann etwas auch mal ausverkauft sein, dann muss der Kunde warten, und er tut das gerne.

Startup? Vor drei Jahren gegründet? Wer zerlegt hier? Wer produziert hier? In welchen Räumen? Berechtigte Fragen, die leicht zu beantworten sind. Sarah Dhem, geborene Schulte, ist zusammen mit ihrem Vater ebenfalls Geschäftsführerin der Werner Schulte GmbH & Co. KG, in der Branche bekannt als Schulte Lastrup. Seinen Anfang nahm dieses Familienunternehmen 1948 mit der Eröffnung eines Fleischerfachgeschäftes in Lastrup. Im Laufe der Jahre gewachsen, beschäftigt das Unternehmen heute 87 Mitarbeiter. Die Werner Schulte GmbH ist Mitglied der Handwerkskammer und in der Handwerksrolle eingetragen.

Kalieber wurde als eigenständige Qualitätsmarke eines Handwerkbetriebes ins Leben gerufen. Produktion, Zerlegung, Verpackung der Kalieber-Produkte fand also in den Räumlichkeiten der Werner Schulte GmbH statt.

Ein Startup mit Plänen

Startups oder Neugründungen haben alle eines gemeinsam: sie müssen sich entwickeln. Kein Unternehmen wird fertig aus dem Boden gestampft. Auch bei Kalieber gibt es Pläne. Ein großes Vorhaben wurde im Mai 2018, also vor wenigen Wochen, realisiert: Die Eröffnung des eigenen Stützpunktes in Lastrup. Der Stützpunkt ist stationäre Verkaufsstelle für die Kalieber-Produkte und kulinarische Erlebnisstätte in einem.

Und seit dem 13. August 2018, also wenige Tage nachdem der Fleischerverband losbrüllte, hat Kalieber für diese Räumlichkeiten die Freigabe der Veterinärbehörden bekommen und darf auch am Stützpunkt eigene Zerlegungen durchführen. „JETZT“, so Firmenchefin Sarah Dhem, „macht eine Eintragung in der Handwerksrolle Sinn. Ich würde nämlich auch im Stützpunkt gerne ausbilden.“

Seit der Gründung von Kalieber laufen übrigens Gespräche mit der für die Fleischerinnung Cloppenburg zuständigen Kreishandwerkerschaft Cloppenburg. In persona mit dem Hauptgeschäftsführer Dr. Michael Hoffschroer. Herr Hoffschroer zählt Kalieber, wie in seinen Statements bei den  Facebook-Beiträgen zu entnehmen ist, „ausdrücklich nicht zu den Fake-Handwerkern“, zudem würde er das Unternehmen „gerne in die Innung holen.“ Der Weg wäre jetzt frei gewesen, wenn nicht der Verband in Frankfurt, der von den vor Ort laufenden Gesprächen nichts gewusst hat, nicht derart haltlos Kalieber angegriffen hätte.

Ohne Innung kein Handwerk?

Der Deutsche Fleischerverband hat seine Antwort gefunden: Ohne Innung kein Handwerk! Und um diese Haltung zu manifestieren, tritt der Verband gegen ein junges Startup, das sich der großen Aufgabe stellt, dem Fleischerhandwerk ein zukunftsfähiges Gesicht zu geben.

„Unsere Kritik richtet sich gegen Unternehmen der Fleischwarenindustrie sowie deren Marken und Produkte, die sich bewusst einen handwerklichen Charakter geben, um damit bei ihren Kunden und in der Öffentlichkeit zu punkten.“ (Deutscher Fleischerverband)

Tätigkeitsfelder für den Fleischerverband gäbe es da ja genug.

Mehr reden und diskutieren

Herbert Dohrmann, Inhaber eines Fleischerei-Betriebes in Bremen mit mehr als 70 Mitarbeitern, ist seit 2016 Präsident des Deutschen Fleischerverbandes. Auf der Jahrestagung 2016 in Saarbrücken forderte er dazu auf „mehr zu reden und zu diskutieren.“ Er mag geahnt haben, dass da was im Argen liegt, als er den Konjunktiv bemühte: „Der Verbraucher sollte zu unseren besten Freunden gehören.“ Zudem rief er dazu auf, sich eine Vorstellung von der „Fleischerei der Zukunft“ zu machen.

Zwei Jahre später haben viele Verbraucher ihre Meinung kundgetan, haben offen zu Wort gebracht, was sie von der Kommunikationsleistung des Verbandes halten und wie viel Vertrauen sie in die f-Marke haben. Sie haben zudem mit einem weiterhin anhaltenden Love-Storm ganz klar Kalieber zu ihrer „Fleischerei der Zukunft“ gekürt.

Ich wage zu behaupten: Das mit der Freundschaft zum Kunden, lieber Fleischerverband, das wird nichts! So nicht.

Die Klage und das Urteil

Noch im August 2018 klagt die Geschäftsführerin von Kalieber, Sarah Dhem, vor dem Landgericht in Hamburg. Drei Wochen später folgt das Urteil. In allen Anklagepunkten wird der Klägerin Recht gegeben und der Deutsche Fleischerverband darf nicht mehr behaupten, Kalieber sei kein Handwerk.

Am 6. September erfolgte eine Begehung der beiden Betriebe in Lastrup, der Werner Schulte GmbH und der Kalieber GmbH, durch Vertreter der Handwerkskammer. Das Fazit: Mehr Handwerk geht nicht! Für ausdrücklich beide Betreibe wurde der Handwerksstatus bestätigt und bekräftigt. Beide Betriebe sind in der Handwerksrolle eingetragen. Mitglied im Deutschen Fleischerverband sind sie nicht.

Für Sarah Dhem, die auf all das gerne verzichtet hätte, ist eines klar: „GEMEINSAM und EHRLICH geht es viel einfacher“. Sie freut sich auf tolle Aktionen in 2019, die sie bereits jetzt mit namhaften Kollegen geplant hat. „Wir stehen alle FÜR unsere Arbeit ein und nicht gegeneinander. Das hat mich an den Reaktionen auf den Verbandspost am meisten gefreut. Wir „jungen Wilden“ wollen MITEINANDER arbeiten. Und das wird richtig, richtig gut.“

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