Tranchiert: Regional, scheißegal

Am 16. Oktober von Sandra Schröder in Grillfleisch & Co. und Kolumne

Wer heute Lebensmittel verkaufen will, der macht am besten ein Etikett mit acht großen Buchstaben drauf: REGIONAL. Der Kunde will das. Der Kunde glaubt das. Der Kunde kauft das.

Sind wir wirklich so blöd?

Spätestens mit dem Ernährungsreports 2018, den das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Dezember 2017 veröffentlicht hat, wissen wir, was wir Deutsche wollen: Tierwohl. Regionalität. Und mehr Geld dafür ausgeben. Das wird seitdem in zahlreichen Presseveröffentlichungen widergekäut. Gerne werden Tierwohl und Regionalität in einem Atemzug genannt und gerne wird dabei suggeriert, dass das irgendwie zusammenhängt. Die wenigen kritischen Stimmen, die es gibt, lauten dann höchstens so: Ja, der Verbraucher will Tierwohl, der Verbraucher will Regionalität, aber er will nicht mehr Geld dafür ausgeben.

Vielleicht hat der Verbraucher aber auch längst erkannt, dass ein Etikett mit acht großen Buchstaben zuvorderst eines ist: ein Etikett mit acht großen Buchstaben. Und vielleicht weiß der Verbraucher längst, dass sich Glaubwürdigkeit nicht über Etiketten vermitteln lässt.

Aus der Region für die Region

Dass Regionalität sich wunderbar vermarkten lässt, ist übrigens gar nicht so neu. Schon 2005 etablierte Coop (größte deutsche Konsumgenossenschaft im Lebensmittel-Einzelhandel) die Handelsmarke „Unser Norden“ und warb mit dem Slogan „Aus der Region für die Region“. Den Verbrauchern fiel allerdings die Mogelpackung sehr schnell auf. Kaffee, Tee, Honig und Orangensaft aus der Region? Verbraucherschützer klagten an, die Presse informierte, dennoch: den norddeutschen Kaffee gibt es heute noch. Coop redete sich regelmäßig damit raus, dass ja zumindest einer in der Produktionskette in Norddeutschland ansässig sei, und sei es der Orangensaftabfüller, der schaffe ja schließlich auch Arbeitsplätze in der Region. Mit der Logik lässt sich natürlich so ziemlich überall REGIONAL draufschreiben. Selbst aus China importiertes Porzellan wird damit zur regionalen Ware, wenn denn nur der Importeur in der Region sitzt.

Aber der Kunde kauft es ja trotzdem. Klar, tut er das. Er will ja auch Kaffee trinken. Aber tut das ganz sicher nicht, in dem Glauben, dass auf den Nordseedeichen jetzt Kaffee angebaut wird.

Was heißt eigentlich regional?

Ein Münchner Fleischgroßhändler bewarb mal seine Fleischwaren mit dem schönen Spruch „Aus den Regionen der Welt“. Das ist mindestens so absurd, wie es wahr ist. Alles ist Region. Überall. Irgendwo. Es gibt keine eindeutige Definition für den Regionsbegriff. Letztlich muss ein jeder selbst entscheiden, was für ihn regional bedeutet. Man kann dabei Landkreise, Bundesländer, Deutschland oder seinen eigenen Garten meinen. Entscheidend bei dem ganzen Regionalitätsgefasel ist die Transparenz des Produktionsprozesses. Wo kommen der oder die Rohstoffe her? Wo wurden sie verarbeitet? Und von wem?

All das abzubilden versucht seit 2014 das sogenannte Regionalfenster. Immerhin: Im März 2018 hat eine Umfrage ergeben, dass circa 30 Prozent der Verbraucher dieses Regionalfenster schon kennen. 30 Prozent in vier Jahren. Nun denn. Es gleicht einer Mammutaufgabe, bei Produkten, die aus mehreren Zutaten bestehen, und damit sind unsere Supermärkte ja nun mal voll, den Regionalitätsgrad zu bestimmen. Es ist ebenso eine Mammutaufgabe, das zu kontrollieren. Aber genau das passiert in unserem Land. Wir bestimmen Regionalitätsgrade von Lebensmittel und wir bauen dafür auch noch ein Kontrollsystem auf. Das alles, damit auf dem Lebensmittel anschließend ein Etikett mit acht Buchstaben prangen kann, dem sowieso keiner glaubt. Okay, seien wir korrekt, es ist ein Etikett mit acht Buchstaben und dem Zusatz „neutral geprüft“. Diese zusätzlichen Buchstaben sollen dann wohl die Glaubwürdigkeit zurückbringen. Was ja immerhin voraussetzt, dann man gemerkt hat, dass Etiketten ohne die angeblich neutrale Prüfung keine Glaubwürdigkeit besitzen.

Regionaler Fleischgenuss?

Schauen wir auf des Grillmeisters liebstes Lebensmittel. Bei Fleisch dürfte der Regionaliätsgrad ja leichter zu ermitteln sein. Könnte man meinen. Besteht ja schließlich nur aus Tier. Wo das herkommt, beziehungsweise gelebt hat, wird tatsächlich genauestens dokumentiert. In der Datenbank HI-Tier werden sämtliche Bewegungen, die ein Rind (seit 1997) oder ein Schwein (seit 2002) in Deutschland unternimmt, erfasst. Jede Geburt, jeder Hofwechsel, der Tod und auch die Schlachtung müssen gemeldet werden. Wer Einblick in diese Datenbank hat, oder mal einen Blick auf einen Rinderpass, den man auch Reisepass nennen könnte, hat werfen können, weiß, so ein handelsübliches Rind kommt in seinen handelsüblichen 18 Monaten ganz schön rum.

Bei Schweinen sieht es noch abenteuerlicher aus. Schließlich ist Deutschland weltgrößter (!) Ferkelimporteur. Fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Schweine stammt aus dem Ausland, überwiegend aus Dänemark und der Niederlande. Tendenz weiter steigend. Was nicht zuletzt auch an den zunehmenden Auflagen in Deutschland liegt. Wenn im Januar 2019 die betäubungsfreie Ferkelkastration in Deutschland verboten wird, dann wird vermutlich der Import noch weiter zunehmen. Im Ausland gibt es ein solches Verbot nicht. Hier zeigt sich, wie sehr sich Tierwohl und Regionalität widersprechen können.

Was erfährt der Verbraucher von der Herkunft eines Tieres?

Was der Verbraucher von der Herkunft eines Tieres erfährt, sind in der Regel nicht mehr als drei oder vier Buchstaben: DDDD. Geboren, gemästet, geschlachtet, zerlegt in D (Deutschland). So bei Rindern. Bei Schweinen muss keine Angabe des Geburtslandes erfolgen. Ein DDD-Schwein darf also deutsches Schwein genannt werden, dafür ist der Standort des Mastbetriebes entscheidend, das Schweinchen kann aber in einem anderen Land geboren sein. Die Einbürgerung von Mastferkeln ist in Deutschland quasi mit der Grenzüberschreitung schon vollzogen. Stimmen, die auch bei Schweinen eine genaue Herkunftsangabe verlangen, gibt es durchaus. Irgendwo, ganz leise, verhallen sie im lauten Gelächter der globalen Fleischindustrie, die alles, und manchmal noch ein bisschen mehr, tut, um ihre Flexibilität zu wahren.

Herkunftsangaben müssen an jeder Fleischtheke durch Aushang kenntlich gemacht sein. Einmal angebracht, hängen sie jahrelang unverändert da rum. Wenn der Verbraucher an der Fleischtheke genauer nachfragt, wo denn das Fleisch herkommt, erhält er oft die Antwort: „Von den Landwirten aus der Region.“ Über den tatsächlichen Lebensweg eines Tieres, sagt das jedoch wenig aus. Und ganz sicher sagt das nichts über die Haltungsbedingungen aus.

Familienbetriebe aus der Region?

Unlängst las ich auf einer schönen Fleischverkaufs-Webseite, dass man beim Fleischbezug auf Familienbetriebe aus der Region setzt, statt auf billiges Fleisch aus Massentierhaltung. Seht mir nach, wenn ich das nicht verlinke. Ihr könnt das tausendfach beim Suchmaschinenriesen finden. Es ist ein weit verbreitetes Bild vom lieben regionalen Familienbetrieb und vom bösen Massentierhalter, der für Billigfleisch verantwortlich ist. An dem Bild stimmt nur leider gar nichts. Hier werden Gegensätze aufgebaut, die keine sind. Und es wird wieder einmal suggeriert Tierwohl und Regionalität hängen zusammen.

„Familienbetriebe aus der Region“ klingt so schön vertrauenswürdig, so idyllisch, kann ja nicht schlecht sein. Muss auch nicht schlecht sein, aber außer, dass mindestens zwei Familienmitglieder an der Unternehmensführung beteiligt sind, beziehungsweise die Stimmenmehrheit haben, sagt das gar nichts aus. Allseits bekannte Familienbetriebe: Mediengigant Bertelsmann, Waschmittelproduzent Henkel, Lebensmittelproduzent Dr. Oetker, Discounter Aldi, Handelsriese Metro, Autobauer VW und nicht zuletzt auch der Schlachtriese Tönnies. Der Schlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ist übrigens der mit Abstand am regionalsten arbeitende Familienbetrieb, den ich kenne. Zwei Millionen Schweine leben im Umkreis von 100 Kilometern um den Schlachthof. Die könnten alle zu Fuß dahin gehen. Die Schweine. Die Menschen, die dort arbeiten, stammen aus 24 Nationen.

Wie viel Regionalität darf man von einem kleinen Metzger erwarten? Von dem hört man ja gerne, dass er schon seit Generationen mit den Landwirten aus der Region zusammenarbeitet. Das mag auch stimmen, zumindest in den Betrieben, in denen noch selbst geschlachtet wird, denn sonst braucht man als Metzger ja keinen Landwirt mehr. Es gibt nur immer weniger Metzger, die selber, also hauseigen, schlachten. Und auch die regionalen Schlachthöfe sterben unaufhaltsam.

Wenn Dir jemand rät, Du sollst Dich regional ernähren, dann frag ihn sicherheitshalber doch mal, ob er ausschließen kann, dass Du von dem ganzen Raps und Mais gelbe Ohren bekommst.

Der Landwirt aus der Region?

Und der berühmte Landwirt aus der Region? Was für ein Betrieb steckt eigentlich dahinter? Inzwischen hat der Grad der Spezialisierung in der Landwirtschaft Höchstmaße angenommen. Selbst die regionale Differenzierung einzelner Wirtschaftssektoren ist stark fortgeschritten. So gibt es heute ganze Landstriche, die allein auf Ackerbau ausgerichtet sind, und Landstriche, wie die rund um den Tönnies-Standort, die allein auf Schweinehaltung ausgerichtet sind. Und das, was die zwei Millionen Schweinchen so täglich fressen, muss von weit her angekarrt werden. Und der Metzger? Hat der jetzt andere Landwirte? Nein, es sind die selben Landwirte, die auch Tönnies und Westfleisch und Co. beliefern. Kein Landwirt kann überleben, wenn er einem Metzger pro Woche zehn oder fünfzehn Schweine verkauft. Alles andere sind sogenannte Mondscheinbauern, Nebenerwerbslandwirte, die ihr Geld woanders verdienen.

Das Gros der Handwerksbetriebe ist also beim Fleischbezug nicht regionaler, nicht besser, nicht tierwohlgerechter als die großen Handelsketten. Sie werden fast alle von den selben landwirtschaftlichen Großbetrieben beliefert, weil es einfach nur noch Großbetriebe gibt. Der Landwirt aus der Region ist der Massentierhalter, der so gerne pauschal an den Pranger gestellt wird. Völlig zu unrecht übrigens. Aber damit räumen wir an anderer Stelle auf.

ABER:

Vollzieht das Handwerk die Wende?

Es gibt sie wieder, die Metzger, die gänzlich auf Zukauf für ihre Ladentheke verzichten, die sich darauf besinnen, wieder selbst zu produzieren, die wieder vermehrt selbst schlachten, die Ausschau halten nach Viehzüchtern, die ein bisschen mehr für das Tierwohl tun, bei denen die Tierrasse zum  Qualitätsmerkmal wird. Es gibt dieses veränderte Bewusstsein, es gibt diese Betriebe, die verstanden haben, das sie das Vertrauen der Verbraucher nur durch Transparenz gewinnen können. Es gibt vor allen Dinge eine junge Metzgergeneration, die sich aus den Fesseln der Fleischindustrie befreit, die Tradition gänzlich neu interpretiert und mit einem erfrischenden Selbstbewusstsein dem Fleischerhandwerk ein neues Image gibt.

Es gibt in der Fleischbranche keinen größeren Kreativpool und keinen stärkeren Innovator als das Handwerk. Und seit Jahrzehnten schon hängen sich Industrie und Handel an das Handwerk, um davon zu profitieren. Da werden industrielle Wurstprodukte mit handwerklichen Attributen geschmückt, da findet man auch den Handwerksmetzger, der seine Dosen- und Konservenprodukte in den Supermarkt stellt oder gleich mit seinen ganzen Frischetheke dort einzieht. Und der Supermarkt gibt sich plötzlich ganz regional. Und so hat der Handel sich das einverleibt, was er selbst nie sein kann: Handwerk und glaubwürdig. Und das Handwerk hat Stück für Stück seine Autonomie uns seine Glaubwürdigkeit abgegeben.

Diese Autonomie zurückzugewinnen ist kein leichter Weg. Aber er ist unbedingt notwendig, damit das Handwerk seine Glaubwürdigkeit wiedererlangt, damit der Kunde wieder sicher sein kann, dass er mit dem Kauf beim Handwerksmetzger Tierwohl und regionale Wertschöpfungsketten unterstützt. Dann und erst dann wird auch das Attribut REGIONAL wieder das, was es sein sollte. Dazu müssen Tierzüchter und Landwirte gefunden werden, die diesen Weg mitgehen, da müssen Schlachthöfe gefunden werden, für deren Betreiber Tierwohl mehr ist als ein Verkaufsargument, da müssen junge Menschen für neue Wege begeistert werden, da müssen auch die Kunden gefunden werden, die tatsächlich bereit sind, diesen Weg mitzufinanzieren. Der einzige Weg zu diesen Kunden heißt: TRANSPARENZ.

Wie ein Supermarkt sich selbst entlarvt

Im August 2017 wollte EDEKA ein Zeichen setzen gegen Rassismus und für die Vielfalt. Dafür räumte man aus einem Supermarkt alle Produkte, die nicht aus Deutschland stammen, aus den Regalen. Damit zeigte die Supermarktkette allerdings auch, wie regional die Produkte in ihren Regalen tatsächlich sind. Die meisten sind noch nicht einmal national, denn die Regale waren fast alle leer:

Die Vielfalt, die wir heute auf unseren Tellern genießen können, ist fantastisch. Wir leben in einem Reichtum, den wir oft nicht zu ermessen wissen. Es ist nicht hilfreich beim Einkaufen nach Regionalität zu fragen, denn sie ist überall und damit nirgendwo. Die einzig sinnvolle Frage, die wir Verbraucher uns stellen sollten, und womit wir uns wieder als sehr mächtigen Teil der Wertschöpfungskette begreifen lernen, lautet: „Wem geb ich mein Geld und was macht der damit?“ Die Antwort hilft ungemein bei der Kaufentscheidung.

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